Zum Besuch von Mathias Énards Übersetzern Holger Fock und Sabine Müller in Lüttich

In der Erzählung Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten (Parle-leur de batailles de rois et d’éléphants, Actes Sud 2010), die 2011 in der Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller im Berlin Verlag erschien, erzählt Mathias Énard eine Geschichte, die nie passiert ist und doch hätte passiert sein können: Aus der Michelangelo-Biographie von Ascanio Condivi wie auch aus Georgio Vasaris Vite dei più eccellenti architetti, pittori et scultori italiani  wissen wir, dass der große Maler und Bildhauer im Jahr 1506, zu einer Zeit, als er sich in einem belastenden Konflikt mit Papst Julius II. befand, eine Einladung des Sultans von Konstantinopel erhielt, der den genialen Künstler an seinen Hof locken wollte. Doch der historische Michelangelo Buonarroti schlug das Angebot aus.

In Mathias Énards Fiktion aber folgt er der Einladung, begibt sich auf eine einwöchige Schiffsreise und landet genau am 13. Mai 1506 im Hafen von Konstantinopel, im Zentrum einer für ihn exotischen neuen Welt. Einen Monat hat der Sultan ihm gegeben, um eine Brücke zu bauen, die Konstantinopel mit der nördlichen Vorstadt Pera verbinden soll, eine Brücke über das „Goldene Horn“. Vor ihm hatte sich schon Leonardo Da Vinci an diesem Projekt versucht – auch dies ist übrigens historisch verbürgt –, doch er war über Konstruktionspläne nicht hinausgekommen. Énard entspinnt nun aus dieser klassischen Was-wäre-gewesen-wenn-Geschichte eine Art Parabel nicht nur über das Brückenbauen, sondern auch über die verschiedenen Möglichkeiten, die Aufgabe des Künstlers zu verstehen. Dabei entwirft Énard die Figuren von Da Vinci und Michelangelo als zwei einander entgegengesetzte Künstlertypen, von den der eine, so könnte man mit Robert Musil sagen, mit „Wirklichkeitssinn“ ausgestattet ist, der andere, Michelangelo nämlich, mit „Möglichkeitssinn“ und mit Mut zum Ungewissen: „Die Zeichnung von da Vinci spukt ihm [Michelangelo] im Kopf herum. Sie ist schwindelerregend und dennoch falsch ausgerichtet. Leer. Ohne Leben. Ohne Ideal. Offenbar hält sich da Vinci für Archimedes und die Schönheit für etwas, was man vernachlässigen kann. Schönheit stellt sich ein, wenn man nicht länger zu überkommenen Formen Zuflucht nimmt, sondern zur Ungewissheit der Gegenwart. Michelangelo ist kein Ingenieur. Er ist Bildhauer. Man hat ihn hergeholt, damit eine Form aus dem Stoff entsteht, sich abzeichnet, sich offenbart.“ (S. 58)

Liest man Énards Erzählung als Parabel auf Bedingungen und Möglichkeiten von Künstlerschaft – womit der Schriftsteller als Künstler eingeschlossen wäre-, so darf allerdings nicht übersehen werden, dass das „Genie“ Michelangelo nicht allein durch Konstantinopel wandelt: Wie ein Schatten begleitet ihn Manuel, der „Dragoman“, der in der osmanischen Kultur zugleich Übersetzer im wörtlichen Sinne als auch Reiseführer durch eine fremde Welt ist. Er dolmetscht für Michelangelo „aus dem Stegreif Verse, türkische oder persische Märchen, griechische und lateinische Abhandlungen“ (S. 60), besucht mit ihm die neue Bibliothek und andere Orte in der Stadt. Mit „unbedarfter Neugier“ (S. 71) stellt er Michelangelo unzählige Fragen zu seiner Arbeitsweise, schaut ihm beim Zeichnen zu und verlässt die Kammer des Künstlers immer wieder voll Staunen. Der „geniale“ Künstler und sein Übersetzer bilden ein Paar, in dem die Rollen unterschiedlich verteilt sind und das doch nach dem Prinzip der Wechselseitigkeit funktioniert.

Dass Mathias Énard seinem Helden Michelangelo die Figur des Manuel als Begleiter beigegeben hat, nimmt nicht wunder, wenn man weiß, dass er selbst beide Formen von Künstlerschaft in sich vereinigt: einerseits ist er als Romanautor gefeierter Star der internationalen Literaturszene, andererseits ist er Übersetzer aus mehreren Sprachen und steht als solcher, wie der unscheinbare Manuel, weit weniger im Rampenlicht. Als Romanautor wiederum hat auch Énard in jeder neuen Kultur, die seine Werke aufnimmt, einen Manuel nötig. Was seine Vermittlung in den deutschsprachigen Raum angeht, so wird Énard von einem „doppelten Manuel“ begleitet: Holger Fock und Sabine Müller übertragen seit zehn Jahren Énard ins Deutsche, und zwar gemeinsam. Neben der hier vorgestellten Erzählung haben sie u.a. Zone (Zone, Berlin Verlag 2008) Rue des voleurs (Straße der Diebe, Hanser 2013), und den Goncourt-gekrönten Roman Boussole (Kompass, Hanser 2016) übersetzt. Mit der zuletzt genannten Übersetzung stehen sie zur Zeit auf der Short List für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Übersetzung“, der im März 2018 verliehen wird. Sollten sie den Preis gewinnen, wird dies eine der glücklicherweise häufiger werdenden Gelegenheiten sein, da die Manuels der Literatur, ohne die die meisten großen Werke der sogenannten „Weltliteratur“ nur einem kleinen Zirkel von Sprachmächtigen vorbehalten blieben, im Licht stehen und ihr Können und ihre Kunst gewürdigt werden.

Holger Fock und Sabine Müller werden als Gäste des Festivals „MIXED ZONE: Passages“ am Freitag, dem 27. Oktober 2017, 10-12 Uhr, im Espace Rencontres der Bibliothek Chiroux, unter dem Motto „Traduire à deux“ gemeinsam mit Mathias Énard ein Seminar zu Fragen der literarischen Übersetzung bestreiten. Alle Interessierten sind herzlich willkommen.

 

Vera Viehöver