Wer ist eigentlich Sharon Dodua Otoo – und wenn ja, wie viele? Eine britische Autorin mit ghanaischen Wurzeln und Wahlheimat Berlin, eine Publizistin und rege Aktivistin, die sich besonders im Bereich der Kritischen Weißseinsforschung, des feministischen sowie antirassistischen Engagements verortet, eine relative Newcomerin auf  den Lesebühnen des Literaturbetriebs –  und eine Grenzgängerin nicht nur im geographischen, sondern auch im sprachlichen Sinn.

Nachdem Otoo mehrere Kurzgeschichten und Novellen auf Englisch verfasste (beispielsweise the things i am thinking while smiling politely (2012) oder Synchronicity. The Original Story (2015)), wechselte sie mit der Kurzgeschichte Herr Gröttrup setzt sich hin ins Deutsche und gewann prompt den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis 2016. Der bissige, zuweilen surreale Text kreist vordergründig nur um einen Morgen in einem bürgerlichen deutschen Haushalt, an dem ein Frühstücksei, das partout nicht hart werden will, für Konfliktstoff zwischen einem Rentnerehepaar sorgt – Kenner des ‚deutschen Humors‘ werden sich dabei an die ironische Sezierung absurder Alltagssituationen eines Loriot erinnert fühlen.

Nur scheinbar nebenbei streift Otoo dabei aber Themen, die für ihr Schreiben und auch ihr politisches und gesellschaftliches Engagement insgesamt konstitutiv sind: Es geht um nicht viel weniger als um Geschlechterrollen, um Unterschiede zwischen (auch kultureller) Selbst- und Fremdwahrnehmung und -beschreibung, um den Umgang mit kolonialer Vergangenheit und nicht zuletzt um die Macht und Ohnmacht von Sprache. Gerade diese Frage treibt die Erzählerfiguren von Sharon Dodua Otoo immer wieder um: Vom Frühstücksei selbst, das sich in Herr Göttrup setzt sich hin darüber wundert, dass die Menschen überhaupt „ausschließlich mittels dieses Gefängnisses namens Sprache“[1] kommunizieren, bis hin zur Ich-Erzählerin der Novelle the things i am thinking while smiling politely, die daran scheitert, ihren ghanaischen Namen so zurechtzubiegen, dass er für englische Zungen aussprechbar wird („to bend and squash my Ghanaian name to suit English tongues“[2]).

Solche Reflexionen über die Möglichkeiten von Sprache, Fremdheit, aber auch Wirklichkeit, nicht nur einzufangen und festzuhalten, sondern ihr in ihrer Widerständigkeit gerecht zu werden, durchziehen Otoos Texte ebenfalls auf formaler Ebene. Sie drücken sich beispielsweise in Sprachspielen und Wortneuschöpfungen aus, so etwa, wenn eine Figur die komplexe Verschränkung von Vergessen und Erinnern, die ihr Verhältnis zur Vergangenheit prägt, mit einer Art Hybridbegriff aus beiden Worten („reforgetmembering“) zu fassen versucht. Sie zeigen sich aber auch immer wieder in typographischen Besonderheiten, wie wenn Worte wie „anyway“, „them“ oder „blame“ sich durch die Wahl einer anderen Schriftart vom übrigen Text abheben und damit eine Art Subtext bilden. Trotz all dieser Verfremdungsstrategien und politisch unbequemen Fragen sind Otoos Texte aber nie hermetisch, sondern bleiben stets lesbar und zeichnen sich neben sprachlicher Leichtigkeit durch einen trockenen Humor aus, der ihre Lektüre so vergnüglich macht.

Sharon Dodua Otoo wird im Rahmen des Festivals Mixed Zone am Donnerstag den 26.10. von 11.00 bis 16.00 Uhr einen Schreibworkshop für Studierende der Universität Lüttich anbieten und am selben Abend um 20.00 Uhr in der Cité Miroir lesen und diskutieren.

Laura Beck

[1] Sharon Dodua Otoo: Herr Gröttrup setzt sich hin, S. 8. Abrufbar unter: http://files2.orf.at/vietnam2/files/bachmannpreis/201619/herr_grttrup_setzt_sich_hin_sharon_dodua_otoo_439620.pdf (Letzter Zugriff: 3.10.2017).
[2] Dsb.: the things i am thinking while smiling politely…Münster 2012, S. 10.